Modernes Foto: In Papier eingepackte, verschnürte Aktenpakete in einem Regal

450 Jahre Schulgeschichte vom Dachboden ins Archiv

In den Dachbodenräumen der Augustinerschule Friedberg konnte eine bis ins Jahr 1579 zurückreichende Aktenüberlieferung aufgefunden und in das Staatsarchiv Darmstadt übernommen werden. Sie eröffnet wertvolle Einblicke in 450 Jahre Schulgeschichte zwischen Reformen, gesellschaftlichen Veränderungen und Kriegen.

Die Gründung der Augustinerschule Friedberg im Jahr 1543 als Lateinschule Friedberg – Schola Friedbergensis, fiel in eine Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und geistiger Umbrüche. Renaissance und Humanismus lösten das mittelalterliche Weltbild ab und rückten durch die Wiederentdeckung antiker Philosophen und Autoren den Menschen sowie seine Individualität in den Mittelpunkt. Zugleich erfuhr auch das Christentum durch die Lehren Martin Luthers eine Erneuerung. Die Lutheraner verstand sich als Befreier von überkommenen Strukturen und Zwängen. Vor diesem Hintergrund war es kein Zufall, dass der erste Lehrer der Friedberger Lateinschule ein Schüler Philipp Melanchthons war. In seinem Unterricht verband er die Ideen des Humanismus mit den reformatorischen Gedanken der Reformation und prägte damit den Geist der neuen Schule.

Ein anschauliches Bild des Unterrichtsbetriebs vermittelt ein überlieferter Stundenplan aus dem Jahr 1583. Die Schule bestand damals aus insgesamt fünf Klassen, die teilweise gemeinsam unterrichtet wurden. Unterricht fand an allen sieben Wochentagen statt. Eine zentrale Rolle spielte die religiöse Erziehung, insbesondere das Auswendiglernen von Luthers Katechismus. Ebenso bedeutend war der Unterricht in Latein, der Sprache der gebildeten Schichten und höheren Beamten. Wie aus der Schulordnung von 1601 hervorgeht, waren die Schüler dazu angehalten, auch außerhalb des Unterrichts Latein zu sprechen. Verstöße mussten von Mitschülern dem Rektor gemeldet werden. Darüber hinaus standen Griechisch, Gesang, Rhetorik und Dialektik auf dem Lehrplan - Fächer, die nach antikem Bildungsideal als grundlegende Bestandteile einer umfassenden und selbstbewussten Persönlichkeitsbildung galten. Die Volkssprache Deutsch sowie Mathematik wurden hingegen nur in sehr grundlegenden Formen unterrichtet.

Historisches Dokument auf gelblichem Papier: Tabelle, darin handschriftliche Eintragungen in lateinischer Sprache
Ausschnitt des Stundenplans von 1583. Es wird die Aufteilung auf fünf Klassen und die Unterrichtsinhalte deutlich (HStAD, Zugang 2026/82).

Während die leider nur punktuell erhaltene Überlieferung aus den ersten drei Jahrhunderten der Augustinerschule aufgrund ihres Alters und ihrer Seltenheit einen besonderen Stellenwert besitzt, konzentriert sich der Großteil der übernommenen Unterlagen auf die Zeit von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Gerade diese dichte Quellenlage ermöglicht jedoch einen umfassenden Einblick in das Leben und die Organisation der Schule.

So kam der Schulbetrieb während der beiden Weltkriege zeitweise nahezu zum Erliegen, da ein Großteil der Lehrer sowie ältere Schüler zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Mit dem Jahr 1933 begann zudem die Umgestaltung der Schule im Zeichen des Nationalsozialismus. Ziel war es, Geist und Charakter der Schüler im Sinne der Ideologie zu formen und einen „nationalsozialistischen Menschen“ zu erziehen. Protokolle aus dieser Zeit belegen eindrücklich, dass dies mit systematischen Säuberungen innerhalb des Lehrerkollegiums und der Schülerschaft einherging. So sank die Zahl der „israelitischen“ Schüler von 54 im Jahr 1903 (bei insgesamt 414 Schülern) bis zum Schuljahr 1936/37 auf null. Lehrer, die der nationalsozialistischen Ideologie nicht nahestanden, wurden versetzt oder entlassen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bemühte man sich, die ursprünglich christliche Prägung der Schule wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Gleichzeitig forcierte die amerikanische Militärregierung durch die Entlassung des Direktors sowie von 13 Lehrkräften die Entnazifizierung des Kollegiums.

Modernes Foto: Blick auf ein großes Regal neben einem Fenster, davor ein Tisch. Im Regal und auf dem Tisch stehen und liegen zahlreiche gebundene Bücher
Der Dachboden der Augustinerschule Friedberg mit einem Teil der alten Schulbibliothek. (Bild von Konstantin Weber, HStAD)

Entdeckt wurden die Unterlagen im Rahmen eines Vor-Ort-Bewertungstermins auf dem Dachboden des Altbaus der Augustinerschule Friedberg, der sich regelrecht als Schatzkammer erwies. Dort lagerten knapp 18 laufende Meter historischer Schulunterlagen, geordnet in grüne, beschriftete Archivmappen und verteilt auf über 200 in Packpapier eingeschlagene Pakete. Die sorgfältige Verpackung und Ordnung des Bestands lassen darauf schließen, dass der frühere Betreuer des Schularchivs über archivfachliche Kenntnisse verfügte. Darüber hinaus konnten zahlreiche weitere Unterlagen übernommen werden, darunter Fotografien, Jahresberichte, Schülerlisten sowie einige Baupläne.

Modernes Foto: Ein Mann und eine Frau blicken auf ein historisches Foto
Das Stöbern in historischen Unterlagen gehört zu den besonderen Höhepunkten des Berufsalltags eines Archivars.

Eine besondere Freude besteht darin, dass die Überlieferung der Augustinerschule Friedberg nun die bislang älteste Schulüberlieferung im Staatsarchiv Darmstadt, die des Landgraf-Ludwig-Gymnasiums Gießen, ablöst und diese sogar um rund 150 Jahre übertrifft. Bereits im Sommer soll der Bestand durch ein Praktikantenteam erschlossen und dem Bestand der Augustinerschule (HStAD, H 54 Friedberg B) zugeführt werden. Das Eintauchen in mehr als 450 Jahre Schulgeschichte bietet dabei eine hervorragende Gelegenheit, Interesse und Begeisterung für den Beruf des Archivars zu wecken. Auch liegt erfreulicherweise eine erste Anfrage zur Nutzung des Bestandes vor.

Philipp Rachor, Darmstadt