Eingeklebte Blätter. Links sind Pflanzenteile mit der Krankheit Erbsenrost (Uromyces pisi) zu sehen.

Grüne Quellen: Gartengestaltung, Pflanzenforschung und ein Herbarium

Bei der Erschließung eines Zugangs der Forschungsanstalt Geisenheim wurden ungewöhnliche Quellen zur Naturgeschichte zugänglich gemacht.

In Vorbereitung anstehender Baumaßnahmen am Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden werden aktuell vorrangig unverpackte und unerschlossene Zugänge bearbeitet.

Dazu gehört auch Zugang 2003/77 der Forschungsanstalt Geisenheim, deren Unterlagen in Bestand 537 aufbewahrt werden. Der Zugang enthält neben anstaltsinternen Unterlagen aus dem Bereich Personal und aufbewahrter Korrespondenz eine größere Menge an Prüfungsunterlagen und Abschlussarbeiten (Inspektorenprüfung) der an der Forschungsanstalt ausgebildeten Studenten. Weitere Archivalien des Zugangs sind großformatige Pläne u. a. von Parkentwürfen vom Anfang des letzten Jahrhunderts sowie ein Nachlass von Prof. Dr. Däumel (Fachbereich Garten- und Landschaftsgestaltung), einige Unterlagen aus der Zeit Ende der 1930er Jahre/Anfang der 1940er Jahre zu Forschungsprojekten wie Minzforschung und Kümmelversuchen und Fotos der Hefereinzuchtstation, die vermutlich aus dem Jahr 1945 stammen. Besonders herausragend ist jedoch ein Herbarium, das etwa in der Zeit von 1910-1920 angelegt wurde und von der Forschungsanstalt aufgrund seiner Seltenheit aufbewahrt wurde (HHStAW, Best. 537, Nr. 780 bis 828).

Historische Schwarz-Weiß Aufnahme des Arbeits- und Sterilisationsraums der Hefereinzuchtstation mit Personen in langen weißen Kitteln, die dort arbeiten
Arbeits- und Sterilisationsraum der Hefereinzuchtstation bei der Lehr- und Forschungsanstalt Geisenheim am Rhein, ungefähr 1945 (HStAW, Best. 537, Nr. 622)

Die überlieferten Inspektorarbeiten der dort ausgebildeten Studenten der Fachrichtung Garten- und Landschaftsgestaltung stammen aus den 1950er und 1960er Jahren. Themen sind u. a. die Grünplanung von Parks und Sportanlagen, die Planung von Freibädern, die gärtnerische Ausgestaltung der Umgebung von neuen Wohnsiedlungen, die Planung von Friedhöfen und ähnlichen Projekten. Ob diese Inspektorarbeiten mit später ausgeführten Planungen übereinstimmen oder diese zumindest beeinflusst haben, müsste im Einzelnen geprüft werden. Beispielsweise beschäftigte sich ein Student in seiner Abschlussarbeit im Jahr 1960 mit der Planung eines Freibads am Bierstädter Berg in Wiesbaden (HHStAW, Best. 537, Nr. 639Öffnet sich in einem neuen Fenster). Akten im Stadtarchiv Wiesbaden belegen, dass es damals tatsächliche Überlegungen zur Errichtung eines Freibads am Moltke-Ring gegeben hat (StadtA WI, Best. ZAS 004, Nr. 129Öffnet sich in einem neuen Fenster und Öffnet sich in einem neuen FensterStadtA WI, Best. WI/3-52, Nr. A 11403)Öffnet sich in einem neuen Fenster. Die Idee wurde nochmal 1977 und dann wieder 1981 aufgegriffen, dann jedoch als „Hallenfreibad“ (StadtA WI, Best. WI/3-52, Nr. A 11412Öffnet sich in einem neuen Fenster).

Bleistiftzeichnung die eine Bank in einem Garten zeigt
Bleistiftskizze eines Gartens aus dem Dienst-Nachlass von Professor Däumel (HHStAW, Best. 537, Nr. 771)

Der Dienst-Nachlass von Professor Däumel enthält Unterlagen aus seiner eigenen Ausbildung sowie Unterlagen seiner beruflichen Tätigkeit. Auffallend sind in seinen ordentlich und gut strukturierten Vorlesungsmitschriften, gekonnte Bleistiftporträts von Kommilitonen und Bleistiftskizzen von Gärten sowie Manuskripte, die entweder für Vorträge oder Fachartikel erstellt worden waren. Aus der Geisenheimer Zeit stammen Unterlagen für die Gestaltung des Studiums der Fachrichtung „Garten- und Landschaftgestaltung“. 

Skizze eines Gebäudes auf Transparentpapier, vermutlich mit Finliner oder Tusche.
Eine weitere Zeichnung aus dem Nachlass von Professor Däumel (HHStAW, Best. 537, Nr. 771)

Das bereits erwähnte Herbarium ist das auffälligste Archivale des Zugangs. Es enthält Baumblätter, Strauchblätter und Blüten sowie Gräser von in Europa heimischen Pflanzen. Interessanterweise enthält die Sammlung jedoch auch viele Arten, die hier eher untypisch sind oder gar nicht vorkommen, beispielsweise Arten aus Amerika und Asien. Die Pflanzenteile sind auf etwa folioformatgroßen Blättern fixiert und nach Ordnung, Familie, Gattung und Art klassifiziert. Bei der Durchsicht des Herbariums wurde festgestellt, das teilweise Bezeichnungen verwendet wurden, die heute als veraltet gelten. Dies macht anschaulich, dass sich die Forschung weiterentwickelt hat und wie alt die vorhandene Sammlung ist.

Ein kleiner Teil des Herbariums ist nur provisorisch angelegt, d. h. eine Akte enthält Pflanzenteile, die noch in den Zeitungen eingelegt sind, in der sie gepresst wurden. Eine zweite Akte enthält auf Blättern fixierte Pflanzenteile, die jedoch nur teilweise bestimmt sind.  Die überwiegende Mehrheit des Herbariums besteht jedoch aus vollständig auf Blättern fixierten und bestimmten Pflanzenteilen. 

verschiedene Blätter in ein Buch eingeklebt.
Die drei Arten Tilia mandshurica, Tilia tomentosa f. petiolaris und Tilia platyphylla latifolia hortensis aus der ehemaligen Familie Tiliaceae (Lindengewächse) (HHStAW, Best. 537, Nr. 797)

In der Natur bestehen nicht alle Ordnungsstufen aus vielen Familien und vielen Arten. Dies spiegelt sich auch im Herbarium wider. So gibt es Ordnungen mit nur wenig Familien und wenig darin vorhandenen Pflanzenteilen. Das Gegenteil davon stellen beispielsweise die Familie der Ahorne (Nr. 811), die Familie der Birken (Nr. 782) und die Gattung der Eichen (Nr. 787) dar, von denen viele verschiedene Arten gesammelt wurden.

Leider gibt es keine Hinweise, weshalb und von wem das Herbarium angelegt wurde. In den Inspektorarbeiten der Fachrichtung Gartengestaltung, in denen jeweils ein Projekt durchgeplant wurde (z.B. Neuplanung eines Stadtparks oder gärtnerische Ausgestaltung einer Wohnsiedlung) ist jeweils eine Pflanzenliste oder Aufzählung der vorgesehenen Pflanzen enthalten. 

Historische Aufnahme von Stammkulturen verschiedener Rheinhefen in Freudenreich-Kölbchen im gärungsphysiologischen Laboratorium der Hefereinzuchtstation Geisenheim
Stammkulturen von Reinhefen in Freudenreichkölbchen / Gärungsphysiologisches Laboratorium der Hefereinzuchtstation der Lehr- und Forschungsanstalt Geisenheim am Rhein, ungefähr 1945 (HHStAW, Best. 537, Nr. 623)

Möglicherweise sollte das Herbarium als Lehr- und Anschauungsmaterial für solche Gartenprojekte dienen und hat seinen Ursprung in einer Sammlung geeigneter heimischer Pflanzen. Wie die exotischen Arten in das Herbarium von Geisenheim gekommen sind, ließ sich allerdings nicht rekonstruieren. Sie könnten aus botanischen Gärten Europas entnommen oder auf Exkursionen gesammelt worden sein; vielleicht bestand auch ein postalischer Austausch mit befreundeten Botanikern in Übersee.

Aufgrund des fragilen Zustands des Herbariums wird dieses für die Nutzung gesperrt und soll perspektivisch durch die Fotowerkstatt digitalisiert werden.

Alexander Abdo, Wiesbaden

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