Gedruckter Zeitungsartikel

Sisi und das Haus Hessen kurz vor und nach ihrer Ermordung

Rund um die Ermordung Kaiserin Elisabeths von Österreich kam die großherzogliche Familie von Hessen gleich mehrfach damit in Berührung.

Dass Kaiserin Elisabeth von Österreich („Sisi“) im September 1898 in Genf von einem Anarchisten ermordet wurde, ist hinlänglich bekannt. Wie nah diese Ereignisse aber auch an das Haus Hessen herankamen, lässt sich anhand der Tagebücher der großherzoglich-hessischen Hofdame Georgine von Rotsmann nachvollziehen (HStAD Best. D 24, Nr. 61/6 und 61/26).

Alles begann im Sommer 1898, als Frau Rotsmann sich in England aufhielt, weshalb bei ihr darüber nichts zu lesen ist. Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und seine Ehefrau Victoria Melita fuhren nach Wien, um dort Kronprinzessin Stephanie einen Privatbesuch abzustatten. Die Witwe des österreichischen Kronprinzen Rudolf, der sich 1889 das Leben genommen hatte, war eine belgische Prinzessin, zu der Ernst Ludwig schon seit Kindheitstagen Kontakt pflegte. Bereits im September 1897 war sie beim hessischen Großherzogspaar zu Besuch gewesen. Besuche von Preisreiten, Pferderennen und der Hofreitschule standen auf dem Programm, von Ausstellungen und der Fronleichnamsprozession, aber auch Empfänge in der Hofburg und in Schönbrunn. Kaiserin Elisabeth traf der Großherzog im Gegensatz zu seinem offiziellen Besuch im Mai 1893 aber diesmal nicht an. 

Historische Porträtaufnahme einer Frau im Profil in einem schwarzen Kleid
Kaiserin Elisabeth von Österreich, 1867 (HStAD Best. D 27 A, Nr. 19/5, Großherzogliches Familienarchiv im Staatsarchiv Darmstadt)

Denn die Kaiserin befand sich rastlos auf Reisen und kam schließlich am 16. Juli 1898 in Bad Nauheim im Großherzogtum Hessen an. Sie bezog die Villa Kracht (HStAD Best. G 37, Nr. 3617), und der Großherzog hatte ihr die „Fürstenzelle“ im Badehaus Nr. 2 zur Verfügung gestellt. Elisabeth schottete sich dort von der Außenwelt ab und klagte, sie habe sich nicht vorstellen können, „dass es hier so entsetzlich ist“. Nach etlichen Wochen Aufenthalt empfing sie am 19. August Großherzog Ernst Ludwig und seine Ehefrau, wie Georgine von Rotsmann zu berichten weiß: „Um 9:13 fuhr ich mit der Großherzogin nach Frankfurt, dort kam der Großherzog u. Herr v. Riedesel. Wir fuhren nach Nauheim zur Kaiserin von Oestereich. Im Kursaal gegessen. Nachher in Butzbach auf der Gewerbe-Ausstellung. Furchtbar heiß.“ 

Historische bunte Postkarte mit verschiedenen Motiven und handschriftlichem Text.
Postkarte mit Ansichten aus Bad Nauheim, 1897 (HStAD Best. R 4, Nr. 505)

Der Großherzog hingegen wurde später in seinen Lebenserinnerungen etwas ausführlicher. Er habe Elisabeth bei seinem offiziellen Wien-Besuch 1893 kennengelernt, dann aber erst wieder in Bad Nauheim gesehen. „Was mir einen tiefen Eindruck machte[,] war das Gespräch in dem Garten der Villa nach dem Essen. Wie immer war sie in schwarz und die Sonne schien auf ihre wundervolle dunkelkupferfarbige Haarkrone. Sie erzählte mir, wie sehr sie den Tod ersehne[,] und wenn er nur plötzlich käme, ehe sie es merke. Nur nicht wirklich krank sein, das wäre zu furchtbar.“. Wie aus Zeitungen bekannt ist, dauerte das Gespräch allerdings nur zwanzig Minuten, nach denen das Großherzogspaar zum nächsten Besuch eilte. Ob bei den Erinnerungen aus den 1930er Jahren folglich eine Rückblickverzerrung vorlag, die das bekannte Ende in das Gespräch hineinprojizierte, oder nicht: Elisabeth befand sich psychisch in einer angespannten Situation. Um einer offiziellen Verabschiedung zu umgehen, fuhr Elisabeth am nächsten Tag (20. August) heimlich weiter in die Schweiz.

Historische Postkarte mit bunten Motiven und handschriftlichem Text
Postkarte mit Ansichten aus Bad Nauheim, 1898 (HStAD Best. R 4, Nr. 505)

Am 6. September traf dann auf Schloss Wolfsgarten, dem großherzoglichen Sommersitz, Kronprinzessin Stephanie als Gegenbesuch zum Wien-Aufenthalt des Großherzogspaars in Begleitung der Gräfinnen Palffy und Coreth ein. Georgine von Rotsmann schilderte verschiedene Aktivitäten des Großherzogspaars mit dem Besuch und ihr eigenes vierhändiges Klavierspiel mit der Gräfin Palffy. Am 11. September notiert sie dann: „Als ich mich anzog[,] erfuhr ich die entsetzliche Nachricht, daß die Kaiserin von Oestereich in Genf erstochen wurde.“ Die Nachricht war der Kronprinzessinwitwe wie allen anderen „auswärts weilenden Mitgliedern der kaiserlichen Familie“ laut der „Neuen Freien Presse“ (12. September 1898), telegrafisch zugestellt worden. Elisabeth war am 10. September, wie Rotsmann nachträglich eintrug, ermordet worden. Attentäter war der italienische Anarchist Luigi Lucheni, der ihr am Genfer See mit einer Feile aufgelauert hatte. 

Historische Schwarz-Weiß Aufnahme von verschiedenen Personen die beieinander sitzen
Das Großherzogspaar von Hessen zu Besuch in Oroszvar bei der ehem. Kronprinzessin Stephanie, 1913 (HStAD Best. D 27 A, Nr. 6/500, Großherzogliches Familienarchiv im Staatsarchiv Darmstadt)

Besonders betroffen aber scheint man auf Schloss Wolfsgarten nicht gewesen zu sein, vielleicht auch, weil das Verhältnis Elisabeths zu ihrer Schwiegertochter, die sie in einem Gedicht als „Trampeltier“ bezeichnet hatte, alles andere als gut war: „Nachmittags war Gräfin Palfy bei mir. Nach dem Thee fuhren wir in den Wald hinter Mittel-Dick. Es war sehr schön.“ Am 12. September reiste die Kronprinzessin Stephanie aber dann auf Befehl des Hofes nach Wien ab, wie auch in der österreichischen Presse kommuniziert wurde. Ohne bisher in besonderem Kontakt zum Wiener Hof gestanden zu haben, war die großherzogliche Familie damit gleich auf zwei Ebenen indirekt mit der Ermordung der Kaiserin von Österreich in Berührung gekommen: als einer der letzten offiziellen Besucher kurz vor ihrem Tod und als Gastgeber für ihre Schwiegertochter zum Zeitpunkt, als die Nachricht von der Ermordung eintraf, und das, obwohl Großherzog Ernst Ludwig alles andere als eine Nähe zum Wiener Hof nachgesagt werden kann.

Historische Schwarz-Weiß Aufnahme einer Frau im Profil in einem Kleid
Kronprinzessin Stephanie, 1885 (HStAD Best.O 3, Nr. 345/97)

Der Kontakt von Stephanie nach Darmstadt blieb auch nach ihrer Wiederverheiratung mit Elemér Lónyay 1900 und ihrem Ausscheiden aus dem habsburgischen Familienverband weiterhin erhalten, wie Einträge in Terminkalendern (HStAD D 24, Nr. 60/1), Fotografien eines Besuchs auf Schloss Oroszvár bei Bratislava (HStAD Best. D 27 A, Nr. 6/500-503) oder auch sporadische Briefwechsel (HStAD D 24, Nr. 57/3) belegen, wenn auch umfassende Quellen leider fehlen – wohl auch im Nachlass Stephanies in Pannonhalma/Ungarn. Das ist umso bedauerlicher, weil der fortschrittliche Großherzog ausgerecht zu der als sehr konservativ beurteilten Kronprinzessin Kontakte hielt, die nur schwer in sein Weltbild einzufügen sind. Oder, wie es sein Adjutant Fabian von Massenbach ausdrückte: „Elle ne fait pas une impression intelligente.“ – „Sie macht keinen intelligenten Eindruck.“ (HStAD D 24, Nr. 62/3 11. September 1912).

Rouven Pons, Darmstadt

 

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