Steinerne Gewölbe, kompliziertes Gebälk, bunte Fassaden: äußerst kunstvoll gestaltetes Lehr- und Lernmaterial der Bauschule Idstein im Taunus. Gut 100 Jahre lang wurden hier Bauhandwerker und Ingenieure ausgebildet. Der Bestand der Schule bietet erhellende Einblicke in den Schulalltag zwischen Lehrbetrieb und Politik in Wiesbaden und Berlin.
Gegründet wurde die Institution im Mai 1869 als „Städtische Baugewerk- und Maschinenbauschule“. Wie der Name verrät, war es die Stadt Idstein selbst gewesen, die sich um die Gründung mit staatlich-preußischer Förderung bemüht hatte. Zwei Lehrkräfte und vier Schüler machten den bescheidenen Anfang, das Interesse wuchs aber rasch. 1895 übernahm Preußen vollständig die Verwaltung der nunmehr „Königlichen Baugewerkschule“, samt Vereinheitlichung und Modernisierung des Lehrplans. Sich verschlechternde wirtschaftliche Verhältnisse Anfang der 1930er führten zu einer Abnahme der Studierendenzahlen der Baugewerkschule, ab 1931 die „Höhere Technische Staatslehranstalt für Hoch- und Tiefbau“.
Wie stark das NS-Regime ab 1933 in den Schulbetrieb eingriff, zeigen besonders eindrucksvoll das von 1937 bis 1939 geführte Brieftagebuch sowie die bis 1946 verfügbaren Jahresberichte. Der Ausschluss jüdischer Schüler und die Entlassung von Angestellten geht aus den Dokumenten ebenso hervor wie die Namen der dem Krieg zum Opfer gefallenen Schüler. Nach dem Krieg übernahm das Land Hessen die Schule, Studium und Lehre wurden an moderne Werkstoffe und Arbeitsmethoden angepasst. 1955/1956 wurde das Studium auf sechs Semester verlängert, Mittlere Reife bzw. Fachschulreife waren neue Zugangsvoraussetzungen. Ab Ende der 1960er Jahre wurde die Bauschule Idstein in das Vorhaben der Gründung der Fachhochschule Wiesbaden einbezogen, die den Lehrbetrieb zum Wintersemester 1971/1972 aufnahm. Hier brachte sich die Bauschule mit den Fachbereichen Architektur und Bauingenieurwesen ein, die zunächst auch in Idstein verblieben. 1993 siedelte man schließlich nach Wiesbaden um. Am seit 2005 zusammengefassten Fachbereich Architektur und Bauingenieurwesen sind heute etwa 2.500 Studierende und 40 Professuren beheimatet, die also in der Idsteiner Tradition stehen.