schwarz-weiß Porträt eines Mannes in Uniform mit Schnauzbart

Ein Bericht des Grafen Alfred zu Erbach-Fürstenau aus Ungarn 1849

Einen ganz besonderen Blick wirft Graf Alfred zu Erbach-Fürstenau auf den Krieg des Jahres 1849 in Ungarn.

Graf Alfred zu Erbach-Fürstenau (1813–1874) stand ab 1841 im österreichischen Militärdienst, stieg innerhalb der k.k. Armee vom Leutnant zum Oberleutnant und Hauptmann auf und erreichte schließlich 1854 den Rang eines Majors. Während der Revolution 1848/49 fungierte er als Ordonnanzoffizier in einem Kavallerieregiment und nahm in dieser Funktion 1849 am Feldzug der habsburgischen Truppen gegen die aufständischen Ungarn teil, worüber er Bericht erstattete (HStAD Best. F 21 A, Nr. 9/9Öffnet sich in einem neuen Fenster).

Die Revolution in Ungarn war schon früh sehr aggressiv und wurde von der Tendenz getragen, sich aus dem Staatsverband der Habsburgermonarchie zu lösen. Nachdem der Kaiser das ungarische Parlament aufgelöst hatte, begann im Oktober 1848 der Krieg zwischen Ungarn und Österreich, der die ungarischen Truppen bis kurz vor Wien führte. In der Schlacht bei Schwechat gelang es den österreichischen Truppen, das ungarische Militär zurückzuschlagen. General Windischgrätz rückte in Ungarn ein, wo der Krieg über Monate hin blutig tobte. Erst im Herbst 1849 gelang es der österreichischen Armee endgültig, die ungarischen Truppen mit Hilfe russischer Unterstützung zu besiegen. Blutig rächte sie sich an den Aufständischen. Am 6. Oktober 1849 wurden dreizehn Generäle der Revolutionsarmee in Arad hingerichtet („Märtyrer von Arad“), obwohl ihnen freies Geleit zugesagt worden war. Am selben Tag wurde in Budapest auch der ehemalige Premierminister Lajos Graf Batthyány hingerichtet.

historisches handschriftliches Dokument aus dem Jahr 1849 mit deutscher Kurrentschrift auf vergilbtem Papier
Auszug aus dem Tagebuch des Grafen

Von dieser Brutalität ist in den Aufzeichnungen des Grafen zu Erbach-Fürstenau nichts zu finden. Er geriet früh in ungarische Gefangenschaft und schildert das gute Benehmen der ungarischen Militärs, die ihn als Standesgenossen aus adligem Selbstverständnis heraus auch vorbildlich behandelten. Immer wieder klagten ihm gegenüber angeblich auch namhafte Revolutionäre, dass sie natürlich nichts gegen die Habsburger hätten und nie in die Revolution eingetreten wären, wenn sie gewusst hätten, welche Konsequenzen daraus erfolgten. Dadurch entsteht vorderhand ein merkwürdig humanes Bild der Ereignisse, dessen Narrativ sicherlich lohnend wäre, genauer zu untersuchen.

Erbach-Fürstenau hielt selbst fest: „Ich muszte darauf gefaszt sein, dasz die Blätter in die Hände der Rebellen kommen konnten, hatte daher bei jedem Worte Rücksicht auf meine angeborene Abneigung gegen den Galgen zu nehmen, deszhalb blieb Manches ungesagt, was ich gerne aufgezeichnet hätte – mitunter gerade das Interessanteste. Die merkwürdigsten Unterredungen konnte ich aus Rücksicht für das Leben anderer damals nicht niederschreiben. Aus der angeführten Rücksicht habe ich Manches verschwiegen; aber nirgens [sic!] etwas Unwahres niedergeschrieben. Die Aufzeichnungen sind plötzlich abgebrochen, weil uns später das Schreiben strenge verboten wurde. Gerade Später war die interessanteste Zeit meiner Gefangenschaft.“

1876 wurde dieser Bericht, ergänzt um weitere Lebenserinnerungen des Grafen unter dem Titel „Aufzeichnungen aus der Gefangenschaft 1849. Aus den hinterlassenen Papieren des weiland regierenden Grafen Alfred zu Erbach-Fürstenau“ in Darmstadt gedruckt und veröffentlicht, ein Buch, das deutschlandweit heute in nur wenigen Exemplaren überliefert ist: eines davon in der Bibliothek des Staatsarchivs Darmstadt (Signatur N 69/1). Der besondere Blick des Grafen auf die Geschehnisse empfiehlt dieses Dokument gewiss einer wissenschaftlichen Erforschung. Studentische Seminararbeiten einer Übung an der Universität Frankfurt im Wintersemester 2025/26 konnten das bereits unter Beweis stellen, indem sich stichprobenartig das Potential der Quelle offenlegte.

Rouven Pons, Darmstadt

 

Schlagworte zum Thema