Zeichnung eines Sauriers mit menschlichem Kopf, der Wald frisst, dahinter ein Atomkraftwerk und Gebäude

Ausgrabung eines "Riesen des Betonzeitalters"

Erschließung von Protestplakaten gegen die Startbahn West

Im Zuge unseres Praktikums am Hessischen Staatsarchiv Darmstadt bekamen wir unter anderem die Gelegenheit, mit den unterschiedlichsten Archivalien zu arbeiten.
Dazu gehörte auch der Einblick in den Bestand R 2, die Plakatsammlung und das Arbeiten mit und Erschließen von Plakaten und Aushängen.

Die Plakate, mit deren Sichtung und Erschließung wir uns beschäftigten, sind im Rahmen einer großen Materialsammlung in das Staatsarchiv gelangt. Thematisch befassen sich die meisten der von uns verzeichneten Plakate mit den jahrelangen Protesten gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen ab den 1970er Jahren. Im gleichen Zuge wird auch der Protest gegen Fluglärm im Rhein-Main-Gebiet und die Rodung von Waldgebieten für eine Erweiterung des Flughafens vielfach thematisiert.

Der Bau und die bereits im Jahr 1962 begonnene Planung der Startbahn 18 West stieß auf extremen Gegenwind. Das zu der Zeit erstarkende Umweltbewusstsein der deutschen Bürger schien unvereinbar mit dem Bau eines solchen Vorhabens. Es hagelte geradezu Anfechtungsklagen und selbst nach der Entscheidung der Verwaltungsgerichte zu einer Zulassung des Ausbaus hielt der Widerstand weiter an. Die Bürgerinitiativen gegen Fluglärm und den Flughafenausbau verzögerten die Rodungs- und Bauarbeiten, indem sie das Gebiet besetzten und ein Hüttendorf bauten, dieses wurde Ende 1981 geräumt. Es kam teilweise zu gewalttätigen Ausschreitungen vonseiten der Demonstranten, so gab es sogar versuchte Sprengstoffanschläge. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz ging die neue Startbahn am 12. April 1984 in den Betrieb. Doch auch dadurch fanden die Proteste kein Ende. Am 2. November 1987 kam es sogar zum Tod zweier Polizisten und weiteren Verletzten, als bei einer Demo zum Jahrestag der Räumung des Hüttendorfs Schüsse fielen. Nach diesem Vorfall zerbrach die Bewegung gegen den Bau der Startbahn West vollends, da die Gewaltbereitschaft von Teilen der Bewegung auf Ablehnung stieß. Heute existiert das Bündnis der Bürgerinitiativen gegen Fluglärm, welches sich weiterhin gegen das Flugaufkommen und geplante Ausweitungen des Frankfurter Flughafens positioniert. Der beste Beweis dafür ist die Fülle und Variation an Protestplakaten.

Von der Gestaltung her unterscheiden sich die meisten Plakate nicht von jenen, die man heute noch auf Demonstrationen sehen kann: typisch minimalistisch, wenn auch mehrfarbig und mit wenig Inhalt, sodass dieser schnell vom Betrachter erfasst und verstanden werden kann. Im Kontrast hierzu fielen uns insbesondere zwei Plakate der Materialsammlung ins Auge, welche sich in ihrer besonders künstlerischen Machart von den anderen unterscheiden.

Beide Plakate karikieren den ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner (SPD) und jeweils einen anderen Politiker, namentlich Alfred Dregger (CDU) und Heinz-Herbert Karry (FDP). Dregger war von 1982 bis 1991 Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU im Bundestag und Karry hessischer Wirtschaftsminister und Stellvertreter des Ministerpräsidenten. Karry war derjenige, der 1980 die sofortige Umsetzung des Beschlusses zum Bau der Startbahn West anordnete. 

Zeichnung eines Flugzeugs auf einer Landebahn. Das Flugzeug schwingt eine Axt. An den Flügeln hängen zwei Männer
Karikatur über den Bau der Startbahn 18 West, herausgegeben von Bücherhaus Jansen + Weber (HStAD, R 2, 8295, Ausschnitt)

Man muss sich nicht mit den Protesten solidarisieren, um zu erkennen, dass beide Plakate aus der breiten Masse hervorstechen und einem besonders kreativen und humorvollen Geist entstammen. Leider lassen sich bei keinem der beiden Plakate die Schöpfer des Motivs feststellen, da im Zuge ihres satirischen Charakters nur fiktive Künstlernamen angegeben werden. So sei die erste Darstellung vom „Universitätszeichenmeister Ironimus Bosch“, während die Forschung am ‚Riesen des Betonzeitalters‘ von „Professor Alexis Schubartowitsch“ betrieben worden sei. Als Urheber der Darstellung des axtschwingenden Flugzeugs wird der bereits 1840 verstorbene deutsche Maler und Zeichner Caspar David Friedrich angegeben. Die Zuschreibung scheint jedoch recht fragwürdig, da Caspar David Friedrich zu seinen Lebzeiten nicht mehr in den Genuss von Flugzeugen und deren Boykottierung gekommen ist.

Die zwei Plakate sind ein praktisches Beispiel für etwas, dass wir bei unserem Praktikum und der Arbeit mit Materialsammlungen und Nachlässen gelernt haben: Viele Materialsammlungen sind im Grunde wie eine Wundertüte, denn man weiß nie, welche überraschenden Entdeckungen man machen wird.

Ellen-Sofie Schulte, Sina Miller und Fritz Eckardt, Praktikanten am Hessischen Staatsarchiv Darmstadt

Zeichnung eines axtschwingenden Flugzeugs auf einer Startbahn, davor Polizisten, Wald und Demonstranten
Karikatur über den Bau der Startbahn 18 West, herausgegeben von Bücherhaus Jansen + Weber (HStAD, R 2, 8295)

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