Prozesse der Entrechtung und Verfolgung und Tonwerk "Shaping Responses to National Socialism"

Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, Karolinenplatz 3, 64289 Darmstadt

Foto eines Mannes mit Mütze neben einer Vitrine, in der sich eine Mauerecke aus Ziegelsteinen befindet
Der Künstler Ryan Lilienthal und ein Objekt der Kunstinstallation "Shaping Responses to National Socialism"

Ausstellung "Prozesse der Entrechtung und Verfolgung: Arisierung - Zwangsarbeit - Deportation" und Tonwerk: "Shaping Responses to National Socialism Through Memory Sculpture"

Die Vorfahren des US-amerikanischen Künstlers Ryan Lilienthal stammen aus Elmshausen im Lautertal und wurden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Seit vielen Jahren erforscht er deren Geschichte – auch im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt. Mehrere Projekte mit Schülerinnen und Schülern sowie mit Studierenden sind daraus erwachsen. In einer Kunstinstallation im Staatsarchiv Darmstadt, die vom 2. bis 27. Februar im Darmstädter Haus der Geschichte zu sehen ist, verarbeitet Lilienthal nun seine persönliche Familiengeschichte. In einem eigenen Workshop werden Schülerinnern und Schüler u.a. mit bedeutungsvollen Begriffen versehene Ziegelsteine brennen, die dann in der Ausstellung zu sehen sein werden. In den ersten Tagen handelt es sich deshalb noch um einen Work in Progress, weshalb die offizielle Eröffnung erst am 10. Februar um 18 Uhr stattfinden wird. Zur Finissage mit Ryan Lilienthal lädt das Staatsarchiv Darmstadt am 26. Februar um 18 Uhr.

Erweitert wird Lilienthals Installation durch Kunstobjekte von Jugendlichen, die das Ergebnis mehrerer Workshops des Darmstädter Archivpädagogen, Harald Höflein, mit dem Künstler und dem Quellenstudium im Staatsarchiv Darmstadt sind. In der Finissage zur Ausstellung besteht die Möglichkeit, mit den Beteiligten ins Gespräch zu kommen. Zu den teilnehmenden Schulen gehören die Bertolt-Brecht-Schule in Darmstadt, die Geschwister-Scholl-Schule Bensheim, die Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule Ober-Ramstadt, die Friedrich-Ebert-Schule Pfungstadt, die Mittelpunktschule Gadernheim und die Grundschule Elmshausen. Ergänzt wird dieses Kunstinstallation durch eine Ausstellung der Darmstädter Geschichtswerkstatt, die die persönliche und kreative Herangehensweise von Ryan Lilienthal durch einen wissenschaftlichen Fokus zu jüdischen Zwangsarbeitern in Darmstadt anreichert. Das Projekt knüpft an Arbeiten der BrechtGeschichtswerkstatt der Bertolt-Brecht-Schule in Darmstadt aus dem Jahr 2020. 

Foto eines Mauerkreises aus Backsteinen
Kunstobjekt zur Erinnerung und Auseinandersetzung: "Shaping Responses to National Socialism" von Ryan Lilienthal

Die Geschichtswerkstatt schreibt zu ihrem Teil der Ausstellung: „Wenn man an Zwangsarbeit in Darmstadt im Nationalsozialismus denkt, fallen einem die über 10.000 Kriegsgefangene oder so genannten Zivilarbeiter ein, die nach Darmstadt verschleppt wurden und in Firmen, Fabriken, der Muna, in der Landwirtschaft, aber auch privat beschäftigt waren.

Vergessen dabei wird häufig das Unrecht, dass den Darmstädter Juden widerfuhr, die 1940 zu Zwangsarbeiten vom städtischen Tiefbauamt gezwungen wurden. In Kooperation mit der BrechtGeschichtswerkstatt und dem Künstler Rainer Lind ist 2020 dazu eine website (https://recherche.video/recherche-2020/Öffnet sich in einem neuen Fenster) entstanden. Daran anknüpfend und die Recherche weiterführend haben sich kürzlich wieder Jugendliche der Bertolt-Brecht-Schule mit den Ereignissen 1940/41 in Darmstadt beschäftigt und an der analogen Ausstellung mitgewirkt, die im Februar im Staatsarchiv Darmstadt zu sehen ist.

Die Ausstellung thematisiert nicht nur die Art der Zwangsarbeiten, zu denen die Juden von der Stadt gezwungen wurden, sondern vor allem den Terror, der von dem städtischen Aufseher Friedrich Späth und dem Gestapobeamten Bruno Böhm zusätzlich ausging. Denn Späths Verhalten gegenüber den Zwangsarbeitern und ihren Familien, vor allem seine Erpressungen, wurden unerträglich, so dass die jüdische Gemeinde Anzeige erstattete. Im anschließenden Ermittlungsverfahren nahm die Gestapo auch die Juden in Schutzhaft. Im Verfahren vor dem Landgericht wurden die Opfer zu ‚Mittätern‘ deklariert. Selbst diejenigen, die lediglich als Zeugen vor Gericht standen, entließ die Darmstädter Gestapo nicht aus der Schutzhaft. Sie wurden im Laufe des Jahres 1941 deportiert und starben in den KZ oder in den Tötungsanstalten Bernburg und Schloss Hartheim.

Neben den Archivalien aus dem Staatsarchiv Darmstadt laden die auf Tafeln gezeigten Auszüge aus Entschädigungsakten und Spruchkammerverfahren, aber auch NS-Täterdokumente ein, die Frage nach Handlungsoptionen zu reflektieren, Täterhandeln in Darmstadt zu benennen und die Opfer und Verfolgten zu erinnern.“

Tafel mit vielen Namen und Text
Ausstellungstafel der Geschichtswerkstatt mit Namen deportierter und ermordeter Darmstädter Juden.

Basis der Ausstellung sind Forschungen zum städtischen Tiefbauamt in Darmstadt, das 1940 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter einsetze. Neben Archivalien aus dem Staatsarchiv Darmstadt laden die auf Tafeln gezeigten Auszüge aus Entschädigungsakten und Spruchkammerverfahren, aber auch Dokumente zu NS-Tätern ein, die Frage nach Handlungsoptionen zu reflektieren, Täterhandeln in Darmstadt zu benennen und an die Oper und Verfolgten zu erinnern.

Ryan Lilienthals Idee einer „multidirectional memory“ wird durch das Ineinandergreifen verschiedenster Ausstellungsformate, von Abendveranstaltungen und Workshops im Vorfeld, die auch vom Archivpädagogen des Hessischen Staatsarchiv Darmstadt betreut wurden, auf innovative Weise umgesetzt. Die persönliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus wird damit aktiv bei Jugendlichen gefördert und über alle Altersklassen hinweg eindrücklich visualisiert.
(Text: Rouven Pons, Darmstadt)

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Darmstadt | Staatsarchiv Darmstadt | Ryan Lilienthal

- Eintritt frei -

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